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Publiziert sind folgende 

Fernschreiben vom 9.11.1938 und folgende Tage der

Gestapo und allgemeinen Polizei (interne Dienstanweisungen)

im Zusammenhang mit dem NS-Pogrom vom 9. November 1938

Zeitlicher Rahmen:

Mittwoch, 9. November 1938

Donnerstag, 10. November 1938

Freitag, 11. November 1938


Handelnde, erwähnte Personen:

Chef der Sicherheitspolizei = Ab  26. Juni 1936 war das Reinhard Heydrich.  Sicherheitspolizei (Abkürzung: Sipo oder SiPo) war die für das gesamte Deutsche Reich zuständige Sicherheitsbehörde, in der Geheime Staatspolizei und Kriminalpolizei zusammengefasst waren. Heydrich war zu dem Zeitpunkt bereits Chef des SS-internen Sicherheitsdienstes (SD). Vorgesetzter: Himmler im Reichsinnenministerium.  Himmler war also noch zusätzlich Vorgesetzter der (uniformierten) Ordnungspolizei, die hier über den Weg der Staatspolizeileitstellen in den Befehlsweg eingebunden sind.

9./10.11, Beginn der AktionenBearbeiten

Gestapo – Geheimes Fernschreiben vom 9.11.1938, 23.55 Uhr Bearbeiten

Absender
Empfänger
Uhrzeit
Wichtigster Inhalt
Befehlsweg


Text:

An alle Stapo Stellen und Stapoleitstellen – An Leiter oder Stellvertreter Dieses FS ist sofort auf dem schnellsten Wege vorzulegen.

1. Es werden in kürzester Frist in ganz Deutschland Aktionen gegen Juden insbe- sonders gegen deren Synagogen stattfinden. Sie sind nicht zu stören. Jedoch ist im Benehmen mit der Ordnungspolizei sicherzustellen, dass Plünderungen und sonstige be- sondere Ausschreitungen unterbunden werden können.

2. Sofern sich in Synagogen wichtiges Archivmaterial befindet, ist dieses durch eine sofortige Massnahme sicherzustellen.

3. Es ist vorzubereiten die Festnahme von etwa 20–30.000 Juden im Reiche. Es sind auszuwählen vor allem vermögende Juden. Nähere Anordnungen ergehen noch im Laufe dieser Nacht.

4. Sollten bei den kommenden Aktionen Juden im Besitz von Waffen angetroffen wer- den, so sind die schärfsten Massnahmen durchzuführen. Zu den Gesamtaktionen können herangezogen werden Verfügungstruppen der SS sowie Allgemeine SS. Durch entsprechen- de Massnahmen ist die Führung der Aktionen durch die Stapo auf jeden Fall sicherzu- stellen.

IMT XXV: 377


Gestapo – Geheimes Blitz-Fernschreiben vom 10.11.1938, 01.20 Uhr Bearbeiten

Absender
Empfänger
Uhrzeit
Wichtigster Inhalt: Nr. 6 nennt Himmler als Verantwortlichen (Der Chef der Ordnungspolizei hat für die Ordnungspolizei einschliesslich der Feuerlöschpolizei entsprechende Weisungen erteilt. Keine Gefährdung deutschen Lebens oder Eigentums, Geschäfte und Wohnungen von Juden nur zerstören, nicht plündern, Plünderer festnehmen; nicht jüdische Geschäfte unbedingt gegen Schäden sichern. Ausländische Staatsangehörige – auch wenn sie Juden sind – nicht beläs-tigen.
Befehlswege: Staatspolizeileitstellen-alle Staatspolizeistellen; alle SD-Oberabschnitte und SD-Unterabschnitte


Text

An alle Staatspolizeileit- und Staatspolizeistellen An alle SD-Oberabschnitte und SD-Unterabschnitte Dringend! Sofort dem Leiter oder seinem Stellvertreter vorlegen! Betrifft: Massnahmen gegen Juden in der heutigen Nacht.

Aufgrund des Attentats gegen den Leg. Sekretär vom R a t h in Paris sind im Laufe der heutigen Nacht — 9. auf 10.11.1938 — im ganzen Reich Demonstrationen gegen die Juden zu erwarten. Für die Behandlung dieser Vorgänge ergehen die folgenden Anordnungen:

1) Die Leiter der Staatspolizeistellen oder ihre Stellvertreter haben sofort nach Eingang dieses Fernschreibens mit den für ihren Bezirk zuständigen politischen Leitungen – Gauleitung oder Kreisleitung – fernmündlich Verbindung aufzunehmen und eine Besprechung über die Durchführung der Demonstrationen zu vereinbaren, zu der der zu- ständige Inspekteur oder Kommandeur der Ordnungspolizei zuzuziehen ist. In dieser Besprechung ist der politischen Leitung mitzuteilen, dass die Deutsche Polizei vom Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei die folgenden Weisungen erhalten hat, denen die Massnahmen der politischen Leitungen zweckmässig anzupassen wären:

a) Es dürfen nur solche Massnahmen getroffen werden, die keine Gefährdung deutschen Lebens oder Eigentums mit sich bringen (z. B. Synagogenbrände nur, wenn keine Brandgefahr für die Umgebung vorhanden ist), b) Geschäfte und Wohnungen von Juden dürfen nur zerstört, nicht geplündert werden. Die Polizei ist angewiesen, die Durchführung dieser Anordnung zu überwachen und Plünderer festzunehmen.

c) In Geschäftsstrassen ist besonders darauf zu achten, dass nicht jüdische Geschäfte unbedingt gegen Schäden gesichert werden.

d) Ausländische Staatsangehörige dürfen – auch wenn sie Juden sind – nicht belästigt werden.

2) Unter der Voraussetzung, dass die unter 1) angegebenen Richtlinien eingehalten werden, sind die stattfindenden Demonstrationen von der Polizei nicht zu verhindern, sondern nur auf die Einhaltung der Richtlinien zu überwachen.

3) Sofort nach Eingang dieses Fernschreibens ist in allen Synagogen und Geschäftsräumen der Jüdischen Kultusgemeinden das vorhandene Archivmaterial polizeilich zu beschlagnahmen, damit es nicht im Zuge der Demonstrationen zerstört wird. Es kommt dabei auf das historisch wertvolle Material an, nicht auf neuere Steuerlisten usw. Das Archivmaterial ist an die zuständigen SD-Dienststellen abzugeben.

4) Die Leitung der sicherheitspolizeilichen Massnahmen hinsichtlich der Demonstrationen gegen Juden liegt bei den Staatspolizeistellen, soweit nicht die Inspek- teure der Sicherheitspolizei Weisungen erteilen. Zur Durchführung der sicherheitspo- lizeilichen Massnahmen können Beamte der Kriminalpolizei sowie Angehörige des SD, der Verfügungstruppe und der Allgemeinen SS zugezogen werden.

5) Sobald der Ablauf der Ereignisse dieser Nacht die Verwendung der eingesetzten Beamten hierfür zulässt, sind in allen Bezirken so viele Juden – insbesondere wohlhabende – festzunehmen, als in den vorhandenen Hafträumen untergebracht werden können. Es sind zunächst nur gesunde männliche Juden nicht zu hohen Alters festzunehmen. Nach Durchführung der Festnahme ist unverzüglich mit den zuständigen Konzentrationslagern wegen schnellster Unterbringung der Juden in den Lagern Verbindung aufzunehmen. Es ist besonders darauf zu achten, dass die aufgrund dieser Weisung festgenommenen Juden nicht misshandelt werden.

6) Der Inhalt dieses Befehls ist an die zuständigen Inspekteure und Kommandeure der Ordnungspolizei und an die SD-Oberabschnitte und SD-Unterabschnitte weiterzugeben mit dem Zusatz, dass der Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei diese polizeiliche Massnahme angeordnet hat. Der Chef der Ordnungspolizei hat für die Ordnungspolizei einschliesslich der Feuerlöschpolizei entsprechende Weisungen erteilt. In der Durchführung der angeordneten Massnahmen ist engstes Einvernehmen zwischen der Sicherheitspolizei und der Ordnungspolizei zu wahren.

Wo publ.: IMT XXXI: 516–517


10. / 11.11.1938 — danach Bearbeiten

Sicherheitspolizei – Geheimes Blitz-Fernschreiben vom 10.11.1938, an Staatspolizeileitstellen Bearbeiten

Absender: Chef der Sicherheitspolizei
Empfänger: Staatspolizeileitstellen
Uhrzeit: 10.11.1938 - unbek.
Wichtigster Inhalt: Plünderungsfälle mitteilen, Täter festnehmen, Sachwerte sicherstellen; Plünderungsermittlungen nicht ohne Anweisung an Ermittlungsrichter abgeben.
Befehlsweg: Staatspolizeileitstellen


Text:

Gestapo – Geheimes Blitz-Fernschreiben vom 10.11.1938 An alle Staatspolizei(leit)stellen.

Unter Bezug auf meine fernschriftliche Anordnung weise ich nochmals darauf hin, dass in allen jenen Fällen, in denen im Zuge der Protestaktionen geplündert worden ist, rücksichtslos vorzugehen ist, durch intensivste Ermittelungen die Täter festzustellen und festzunehmen sind und dass die Sachwerte sichergestellt werden. Ich bitte, mir bis 11.11.1938, 8 Uhr, durch Fernschreiben die bereits bekannten Plünderungsfälle mitzuteilen unter Angabe des kurzen Sachverhalts und der etwa bereits festgestellten Täter. Vor der Überstellung an den Ermittlungsrichter ist meine Weisung einzuholen. Die Kripo kann erforderlichenfalls zur Klärung der Tatbestände herangezogen werden. Chef der Sicherheitspolizei

Wo publ.: IMT XXXI: 518


Sicherheitspolizei – Geheimes Blitz-Fernschreiben vom 10.11.1938 an alle Staatspolizeileitstellen und Staatspolizeistellen und an alle SD-Oberabschnitte und SD Unterabschnitte. Betrifft: Massnahmen gegen Juden. Bearbeiten

Absender
Empfänger
Uhrzeit
Wichtigster Inhalt
Befehlsweg


Text:

Wo publ.:


Sicherheitspolizei – Geheimes Blitz-Fernschreiben vom 11.11.1938 Die Protestaktionen sind eingestellt Bearbeiten

Absender: Chef der Sicherheitspolizei
Empfänger
Uhrzeit
Wichtigster Inhalt
Befehlsweg


Text:

Wo publ.:


Muster Bearbeiten

Absender
Empfänger
Uhrzeit
Wichtigster Inhalt
Befehlsweg


Text:

Wo publ.:


Muster Bearbeiten

Absender
Empfänger
Uhrzeit
Wichtigster Inhalt
Befehlsweg


Text:

Chef der Sicherheitspolizei – Geheimes Blitz-Fernschreiben vom 10.11.1938 1) an alle Staatspolizei(leit)stellen und Staatspolizeistellen, 2) an alle SD-Oberabschnitte und SD Unterabschnitte. Dringend sofort vorlegen! Betrifft: Massnahmen gegen Juden. Im Nachgang zu meinem Befehl von heute Nacht weise ich ausdrücklich darauf hin, dass Plünderungen unter allen Umständen durch entsprechende Maßnahmen zu verhindern sind. Plünderer sind vorl. festzunehmen. Nähere Weisung ist von mir einzuholen. Das Reichsjustizministerium hat sämtliche Generalstaatsanwälte angewiesen, die Strafanstalten den Staatspolizei(leit)stellen zur Unterbringung festgenommener Juden zur Verfügung zu stellen. Weiter ersucht das Reichsjustizministerium, zunächst in keinem Fall Haftbefehle ge- gen Personen zu beantragen, die etwa im Zuge der Aktionen festgenommen worden sind. Schließlich hat das Reichsjustizministerium die Staatsanwälte angewiesen, keine Er- mittlungen in Angelegenheiten der Judenaktionen vorzunehmen. Dies dient lediglich zur dortigen Information.


Chef der Sicherheitspolizei – Geheimes Blitz-Fernschreiben vom 11.11.1938

Die Protestaktionen sind eingestellt (siehe Presse- und Rundfunkmeldungen).

Im Benehmen mit der Ordnungspolizei ist für die kommende Nacht verstärkter Streifen- dienst einzusetzen. Etwa noch erfolgende Aktionen sind möglichst zu verhindern, jedoch ist hierbei Rück- sicht zu nehmen auf die berechtigte Empörung der Bevölkerung. Gegen Plünderer ist rücksichtslos einzuschreiten. Die Festnahmeaktionen werden ohne Einschränkung und ausschliesslich von den Staats- polizei(leit)stellen fortgesetzt.

Wo publ.: IMT XXXI: 519


InterpretationenBearbeiten

Siehe auch Bearbeiten

  • Forschungseinrichtungen zur NS-Judenverfolgung
    • Internetportal „European Holocaust Research Infrastructure“, kurz EHRI, soll die überall auf der Welt verstreuten Ressourcen der Holocaustforschung zusammenzuführen. Die Webseite bündelt Material von mehr als 1800 Archiven aus 51 Ländern, um die Internationalisierung der sprachlich und disziplinär überaus heterogenen Holocaustforschung zu forcieren. Die Quellen von Tätern und Opfern zusammenführen (www.ehri-project.eu)


  • Staatspolizeileitstellen
  • Sicherheitspolizei
  • ushmw

WeblinksBearbeiten

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